Ziele und Hintergründe der Waldentwicklungs- und Holzaufkommensmodellierung

Die Waldentwicklungs- und Holzaufkommensmodellierung schätzt die Entwicklung des Waldes und das Rohholzpotenzial für die nächsten vier Jahrzehnte als ein mögliches Szenario gemäß den Erfahrungen der letzten Jahre und Erwartungen an die kommenden Jahre. Für Politiker, Verbände, Wissenschaft und Forst- und Holzwirtschaft ist sie ein Instrument zur Prüfung der Auswirkung waldbaulicher Entwicklungen und Ziele und zur Planung von Nutzung und Verarbeitung des Rohstoffes Holz und von Investitionen in dem Bereich.

Foto: Reinhold Schönemund
Foto: Reinhold Schönemund

Die Waldbewirtschaftung ist nach der Landwirtschaft die flächenmäßig wichtigste Landnutzung in Deutschland. Der Wald erstreckt sich über 11,4 Mio. ha oder 32 % der Landfläche. Der Wald ist Lebensraum für Pflanzen und Tiere und dient dem Menschen zur Erholung und Entspannung. Gleichzeitig ist der Wald ein Wirtschaftsfaktor. Er produziert den nachwachsenden und ökologisch wertvollen Rohstoff Holz. Das Cluster Forst und Holz (1) in Deutschland gibt 1,1 Mio. Menschen einen Arbeitsplatz, setzt jährlich 180 Mrd. Euro um und erzeugt eine jährliche Bruttowertschöpfung von 55 Mrd. Euro (2). Holzbasierte Wertschöpfung hat somit einen Anteil von ca. 3 % an der Gesamtbeschäftigung und von ca. 2 % am Bruttoinlandsprodukt der deutschen Volkswirtschaft.

Der Wald verändert sich durch vielfältige dauerhafte, periodische, episodische oder einmalige Vorgänge und Einflüsse wie durch Wachstum, durch Sturm, Schnee und Insekten etc. und durch die Bewirtschaftung des Menschen. Deswegen ist für eine planmäßige, nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes und eine Sicherung seiner Funktionen sein Zustand regelmäßig zu erfassen und seine Entwicklung abzuschätzen.

Die dritte Bundeswaldinventur (Stichtag 01.10.2012) erfasst den Wald in allen Ländern und Eigentumsarten nach einem einheitlichen Stichprobenverfahren. Die hier vorgelegte Waldentwicklungs- und Holzaufkommensmodellierung (WEHAM) schätzt auf Grundlage dieser Inventur, wie sich der Wald angesichts der Ausgangslage entwickeln und mit welchem potenziellen Rohholzaufkommen gerechnet werden könnte. Diese Schätzung erfolgt

  • getrennt nach Ländern, Baumarten und Sorten,
  • in 5-Jahres-Perioden für die nächsten 40 Jahre.

Als Rahmenbedingungen

  • wird der Zuwachs der dritten Bundeswaldinventur fortgeschrieben,
  • wird eine Waldbehandlung aufbauend auf den Erfahrungen der letzten Jahre und Erwartungen an die kommenden Jahre unterstellt und
  • wird eine Sortierung angenommen.

 
Im Modell außer Acht gelassen werden wirtschaftliche
Einflüsse wie die Entwicklung von Nachfrage und Preis oder forsttechnische Größen wie zum Beispiel die Geländeneigung oder die Erschließung des Waldes mit Wegen. Außer Acht gelassen werden ebenfalls individuelle Eigentümerziele zur Höhe und Intensität der Nutzung und Baumartenwahl, da sie i. d. R. unbekannt sind. Für die Potenzialbewertung ist zu berück-
sichtigen, dass Eigentümer möglicherweise potenzielle Nutzungsmengen nicht auf den Markt bringen. Bei Verjüngung eines Stichprobenpunktes bilden die vorher dort stockenden Baumarten den Folgebestand, Baumartenwechsel im Zuge der Waldverjüngung können durch das WEHAM-Basisszenario nicht abgebildet werden.

Jede Modellierung birgt Unschärfen. Die Unschärfe des Modellergebnisses steigt mit der Länge des modellierten Zeitraums, des sogenannten Projektionszeitraums. Sie lässt sich nicht wie bei Stichproben-Erhebungen in Fehlerprozente fassen. Sie entsteht, da sich komplexe Gebilde wie das Ökosystem Wald und es beeinflussende Faktoren wie Klima und Waldbehandlung nicht exakt
im Modell abbilden lassen. Dies ist bei der Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen. Daher wurde der Projektionszeitraum auf 40 Jahre begrenzt. Zugleich ist WEHAM mit der Wiederholung der BWI alle zehn Jahre zu erneuern. Die Modellprojektion kann von der realen Entwicklung umso mehr abweichen, je kleinräumiger (regional oder sachlich) die Betrachtung erfolgt.

Die Modelleinstellungen des hier dargestellten Szenarios wurden mit den Ländern erarbeitet. Sie bauen auf den Erfahrungen der letzten Jahre auf und berücksichtigen die Erwartungen an die kommenden Jahre. Es wird als „WEHAM 2012-Basisszenario“ bezeichnet und ist eines von vielen denkbaren Zukunftsbildern der Waldentwicklung und der Waldbewirtschaftung. Alternative Szenarien mit anderer Waldbehandlung
oder anderem Zuwachs sind Gegenstand von Forschung oder werden von Interessengruppen formuliert und in Auftrag gegeben.

(1) Das Cluster Forst und Holz umfasst die Wirtschaftsbereiche Forstwirtschaft, das holzbe- und -verarbeitende Gewerbe, das Papiergewerbe, das Holz im Baugewerbe, das Verlags- und Druckwesen und den Holzhandel.

(2) Becher, G. (2014): Clusterstatistik Forst und Holz . Tabellen für das Bundesgebiet und die Länder 2000 bis 2012 . Hamburg: Johann Heinrich von Thünen-Institut, 105 p, Thünen Working Paper 32, DOI:10.3220/WP_32_2014